Animismus
Generali Foundation, Wien (Österreich). 16.09.2011 -
Pressmitteilung
Animismus ist ein mehrteiliges Ausstellungsprojekt, das nach Stationen in Antwerpen
und Bern nun in der Generali Foundation präsentiert wird. Die Ausstellung Animismus.
Moderne hinter den Spiegeln greift die gegenwärtig auf breiter Ebene stattfindende
Neubewertung der Moderne auf und verhandelt sowohl das ethnologische Konzept des
Animismus, wie es im Kontext des Kolonialismus formuliert wurde, als auch den Begriff
des Animismus in der Psychoanalyse. In Wien, der Stadt Sigmund Freuds, richtet die
Ausstellung den Fokus unter anderem auf ästhetische Ansätze, die die Gegenüberstellung
von psychischer Innen-
Der „alte" Animismus – Fluchtpunkt der Moderne
Ende des 19. Jahrhunderts wird der
Animismus als Summe abergläubischer Vorstellungen verstanden, als die Realität verkennende
„Projektion", anhand derer das „primitive Bewusstsein" den Kosmos mit Seelen und
Geistern bevölkert. Den Dingen und der Natur wird dabei Leben, Handlungsmacht und
Subjektcharakter zugeschrieben. Auf dem Höhepunkt des europäischen Kolonialismus
wird der Animismus zum Gegenbild der Zivilisation, zum exemplarischen Ausdruck eines
primitiven „Naturzustands", in dem Psyche und Natur als ungeschieden gelten. Im Kontext
der kolonialen Moderne fungierte das Bild des Animismus als Spiegel, durch den die
Moderne sich ihrer selbst versicherte, indem er zeigt, was sie nicht ist. Modern
sein hieß demnach, den Animismus hinter sich zu lassen und die Welt nach den seit
Descartes gültigen dualistischen Trennungen – in Seele und Körper, in Geist und Materie
– aufzuteilen.
Der „neue" Animismus – eine Reaktivierung
In der Anthropologie kommt es im Zuge der
Kritik an den Dualismen und statischen Kategorien der Moderne in letzter Zeit zu
einer Neubewertung des Animismus. Lässt sich der Animismus jenseits der westlichen
Vorstellung davon, was „Leben", „Seele", „Selbst", „Natur", „übernatürliche Kräfte"
oder „Glaube" sind, als Praxis begreifen, bei der es um andere Erfahrungen von Subjekt-
Ausstellungsszenen – Demarkationslinien, Schwellen, Übergänge Die Ausstellung Animismus.
Moderne hinter den Spiegeln verhandelt diese Grenzen entlang ästhetischer Prozesse,
die aufzeigen, was geschieht, wenn die strikte Trennung von Subjekt und Objekt aufgelöst
wird. Auch das Museum als Objektivierungs-
Jimmie Durhams Installation The Dangers of Petrification (2007) hält dem mortifizierenden Museumsapparat und der westlichen Vorstellung von Stein als „toter Materie" einen spielerischen Spiegel vor. Victor Grippo verschiebt den Begriff der unbelebten Materie weiter, indem er in seinen Werken die in Kartoffeln enthaltene Energie nutzt und deren soziopolitische Bedeutung als „Lebensspender" unterstreicht. In der Archivinstallation Versammlung (Animismus) (1992–) zeigt Agentur eine Auswahl aus ihrer umfangreichen Sammlung von Gerichtsverfahren über Urheberrechtsstreitigkeiten, in denen juristische Auseinandersetzungen zu Fragen wie Autor_innenschaft, Kreativität und Handlungsmacht zu Foren für die Verhandlung der Grenze zwischen Menschen und Dingen, zwischen Natur und Kultur werden.
Der aus tausenden Einzelzeichnungen bestehende, 1929 entstandene Animationsfilm Tusalava
von Len Lye ist von der Kunst der australischen Aborigines beeinflusst und kann als
„primitivistisches" Werk gelten. In der Ausstellung befindet er sich in unmittelbarer
Nähe zu Walt Disneys The Skeleton Dance, ebenfalls aus dem Jahr 1929, ein Film, der
auf exemplarische Weise die „Gesetze" des kinematografischen Animationsuniversums
zum Ausdruck bringt. Capitalism: Slavery (2006), ein Video von Ken Jacobs, führt
die Frage nach den Möglichkeiten filmischer Animation weiter, indem er die Technik
der Bildanimation mit den monotonen, normierten Bewegungen der Plantagenarbeit verbindet.
Auch Joachim Koesters Animation der unter dem Einfluss von Meskalin gefertigten Zeichnungen
von Henri Michaux, My Frontier is an Endless Wall of Points (2007), verweist auf
die wachsende Kluft zwischen dem Repräsentierbaren und dem Nicht-
Assemblages (2010), eine auf einem umfassenden Rechercheprojekt basierende Videoinstallation von Angela Melitopoulos und Maurizio Lazzarato, folgt den geistigen Spuren von Félix Guattari – Philosoph, Aktivist, institutioneller Psychotherapeut und Mitautor von Gilles Deleuze. Für die Ausstellung in Wien wurde das Projekt um die neue Arbeit Déconnage (2011) erweitert, die sich auf Guattari’s „Vorläufer" Francoise Tosquelles konzentriert. Die Arbeiten führen die beiden Hauptstränge der Ausstellung, die Verhandlung der Beziehung von Selbst und Welt und jener von Mensch und Natur, zusammen und verfolgen sie im Kontext der Psychiatriegeschichte ebenso wie des politischen Widerstands.
Die zahlreichen Werke der Ausstellung spüren Demarkationslinien, Schwellen und Übergänge
der kanonischen Trennungen in unterschiedlichen Medien und mittels heterogener Strategien
auf, überzeichnen, verschieben und transformieren sie. Animismus. Moderne hinter
den Spiegeln legt die Notwendigkeit einer Revision und Dekolonisierung nicht nur
des überkommenen Verständnisses von Animismus, sondern auch des sich darin ausdrückenden
modernen Imaginären nahe.
Ausstellung 16 September -
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Montag geschlossen.
© ArtCatalyse International / Marika Prévosto 2011. Alle Rechte vorbehalten
Artists : Agentur, Marcel Broodthaers, Adam Curtis, Didier Demorcy, Walt Disney, Jimmie Durham, Eric Duvivier / Henri Michaux, Thomas Alva Edison, León Ferrari, Walon Green, Victor Grippo, Candida Höfer, Luis Jacob, Ken Jacobs, Joachim Koester, Yayoi Kusama, Len Lye, Chris Marker / Alain Resnais, Daria Martin, Angela Melitopoulos & Maurizio Lazzarato, Ana Mendieta, Vincent Monnikendam, Jean Painlevé, Hans Richter, Roee Rosen und Natascha Sadr Haghighian.
Konzept: Anselm Franke
Kurator_innen: Anselm Franke mit Sabine Folie
Assistenz-
Internationale Austellungen ergänzt 2011